WAS MUSS, WAS DARF WEIN KOSTEN?

Fragen die immer wieder gestellt werden:

Wie kommt der Preis für eine Flasche Wein zustande?

Wieso gibt es die gravierenden Preisunterschiede?

Sind teure Weine automatisch „besser“?

Kann eine Flasche Wein zu € 1,99 aus dem Discount bedenkenlos getrunken werden?

Zunächst zum ersten Teil der Titelfrage:

Was muss eine Flasche kosten?

Denn auch hier gibt es durchaus Zwang, allein den der Existenzsicherung des Winzers.

Das Dienstleistungszentrum ländlicher Raum (DLR) Rheinland-Pfalz, eine vom Landesministerium für Umwelt/Landwirtschaft/Verbraucherschutz betriebene Institution, hat sich vor geraumer Zeit in einer Modellrechnung der Thematik angenommen.

Ausgehend von einer Betriebsgröße von 10 Hektar (ha) und einem Hektarertrag von 105 Hektolitern (hl) wurden die Erzeugerkosten, unterteilt in die Segmente

  • Traubenerzeugung,
  • Fassweinbereitung,
  • Flaschenweinbereitung und
  • Vermarktung

erstellt.

Es bleibt anzumerken das 10 ha Weinbergsfläche in Deutschland schon eine überdurchschnittliche Betriebsgröße darstellen.105 hl/ha Ertrag bedeuten in z.B. allen französischen Anbaugebieten zudem die Versagung zur Qualitätsweinzulassung, da der hierfür erlaubte Hektarhöchstertrag deutlich überschritten würde. Man ist also schon großzügig an die Sache herangegangen.

Im Ergebnis kam man auf einen Mindestpreis von:
€ 2,17 je 0,75 l Flasche oder € 2,89 je 1,0 l Flasche weißen Qualitätsweines.

Bei Rot- und Prädikatsweinen lag der Preis höher.

Bei diesem Betrag – ab Hof, netto wohlgemerkt – gilt ein selbst vermarktender, deutscher Winzer der erwähnten Größe als überlebensfähig.

Wie aber kommt dann eine „Rheinhessen Riesling Spätlese“ für € 1,79 brutto ins Discounter-Regal? Über die Menge? Kein deutscher Winzer ist in der Lage den Bedarf der großen Ketten zu decken. Selbst Zentralgenossenschaften bekommen hier Schwierigkeiten.

Abhilfe schafft der Fassweinmarkt. Im Preis für eine 1,0 l Flasche liegt der Anteil für die Traubenerzeugung und Fassweinbereitung bei € 1,20 /l (lt. DLR), die restlichen € 1,69 entfallen auf die Segmente Flaschenweinbereitung und Vermarktung.

Ein reiner Fassweinerzeuger wird diesen Wert ggf. sogar noch unterschreiten können, da er bestimmte Anforderungen nicht erfüllen muß. Zukauf und Verschnitt von Weinen aus dem gesamten Anbaugebiet, bis zu 15% Anteil älterer Weine (bei Verzicht einer Jahrgangsnennung auch mehr) und bis zu 15% z.B. Müller-Thurgau bei einem als Riesling deklarierten Wein lassen ausreichend Spielraum. Der Druck Bestände abbauen zu müssen und die Sorge den Groß-(oder Allein)abnehmer zu verlieren tun ein Übriges.

Der Kunde hat dann ein, hoffentlich, analytisch sauberes Produkt in der Flasche – mehr sollte er nicht erwarten.

Die in letzter Zeit zu beobachtenden Versuche, Weine namhafter Herkünfte (Barolo, Amarone, Chateauneuf etc.) im Discount zu lancieren, dürfen auch als ausloten der Preisbereitschaft auf Kundenseite gewertet werden.
Denn die Beschaffung (und Qualitätsgewährleistung) der Billigstweine wird auch für die großen Ketten nicht einfacher.

Was aber darf Wein kosten?

Offensichtlich ist hier der eigene Anspruch ans Produkt entscheidend.

Markenweine/-sekte, die die Supermarktregale füllen, bedienen sich ebenfalls des Fassweinmarktes.

Der Verschnitt verschiedener Weine dient hier allerdings nicht nur der „Preisoptimierung“, sondern auch der Schaffung eines gleichbleibenden Geschmacksbildes – unabhängig von Jahrgang, Witterung und anderen Einflüssen. Der Kunde erhält ein verlässliches, konstantes Produkt. Die Aufwendungen für das Etablieren der „Marke“, speziell der Werbeaufwand, sind allerdings erheblich. Sie werden dann über den Preis an den Verbraucher weitergegeben.

Will man Wein als von der Natur und dem Winzer geprägtes Produkt erleben, kommt man am Erzeuger (ob Winzer oder Genossenschaft) nicht vorbei.

Aus der oben erwähnten Modellrechnung ergibt sich eine gewisse Preisuntergrenze für deutsche Erzeugerweine im Handel. Das nach „oben“ kaum eine Preisgrenze zu setzen ist hat vielfältige Gründe:

  • Bekanntheit und Wertschätzung des Anbaugebietes. (Rheinhessen = „billig“, Rheingau = „teuer“- lustig, wenn dann ausgerechnet einer der renommiertesten Winzer mit hochpreisigen Weinen in Rheinhessen sitzt).
  • Bekanntheit und Wertschätzung des Weinguts. Auch hier fällt nichts vom Himmel, die einschlägigen Winzer haben sich ihren Ruf beständig erarbeitet. Ob die jeweiligen Weine dann den eigenen Geschmack treffen, steht natürlich auf einem anderen Blatt.
  • Marketing. Teils selbst betriebene Anstrengungen in allen Bereichen der Öffentlichkeitsarbeit, teils wohlwollende Erwähnung in Weinführern, Punkte von „Weinpäpsten“ inklusive. Journalistische Würdigung in speziellen Presseerzeugnissen ist ebenfalls hilfreich. Der geneigte Kunde sollte sich allerdings darüber im Klaren sein, das Punkte, Lob und positive Presseresonanz nicht immer frei von „Gegenleistungen“ sind. Eine Anzeige im jeweiligen Presseerzeugnis kann einer positiven Bewertung durchaus förderlich sein. Und unabhängig, objektiv bewertet wird auch eher selten.
  • Verfügbarkeit, und damit das Spiel von Angebot und Nachfrage. Es gibt auch in Deutschland etliche Winzer, die erheblich mehr verkaufen könnten als sie erzeugen. Logische Folge im freien Markt ist dann der Ausgleich von knappem Angebot bei hoher Nachfrage über die Preisbildung.
  • Aufwand, den der Winzer betreibt um eine besondere Qualität in die Flasche zu bekommen. Von der Arbeit im Weinberg, über besondere Gärtechniken bis zum aufwendigen Fassausbau, sind viele Schritte denk- und nachvollziehbar, die eine Flasche Wein erheblich verteuern können. Vermutlich ist auch eine Kostenobergrenze bezifferbar, die der Winzer auch bei bestem Bemühen kaum überschreiten kann, belastbare Aussagen hierzu fehlen allerdings bisher.

Das die Entscheidung für einen bestimmten Wein häufig ebenso irrational getroffen wird wie für ein Auto, ist dem Winzer nicht anzulasten. Der „kleine Koreaner“ bringt mich genauso von A nach B wie die „deutsche Oberklassekarosse“, Winzersekt oder Crémant liefern ein mindestens vergleichbares Erlebnis wie Champagner – jeweils zum Bruchteil des Preises.

Das die Qualität eines Weines anhand einiger analytischer Parameter (z.B. Extraktgehalt, Redoxpotential etc.) abgelesen werden könnte, bleibt vermutlich ein Traum. Und selbst dann wäre immer noch wenig über den Geschmack gesagt.

FAZIT

Wein eines Erzeugers und einer bestimmten Herkunft muß dauerhaft einen gewissen Mindestpreis erzielen, sonst verschwindet der Winzer vom Markt. Preisobergrenzen sollte sich der Verbraucher selbst setzen, in dem Wissen das er eine gehobene Qualität selten zum „Schnäppchenpreis“ bekommt. Die Gleichung, viel Geld bringt mir automatisch viel Genussfreude, darf aber als „Milchmädchenrechnung“ gelten.

DER JUNGE WEIN – JEDES JAHR EIN NEUER GENUSS

Wenn man einmal davon absieht, dass der erste Wein eines jeden Jahres von der Südhalbkugel, bereits im Frühjahr auf den Markt kommt, ist der Verkaufsstart des neuen Jahrgangs der 3. Donnerstag im Oktober. Ab diesem Termin sind vor allem französische Landweine zu haben. Damit sind diese Weine noch einen Monat vor dem bekannten Beaujolais-Nouveau (3. Donnerstag im November) verfügbar. Die Weinbereitung ist natürlich auf Weine, die so früh trinkreif sind abgestimmt. Die meisten Nouveau-Weine sind Rotweine. Sie entstehen größtenteils durch die sog. Kohlensäure-maischung, die besonders fruchtige, milde, aromatische, früh trinkreife Weine hervorbringt. Weisse Trauben eignen sich nicht für dieses Verfahren, sie werden daher sehr kühl vergoren.
Den Weinliebhaber sprechen diese Weine dadurch an, dass sie eine erfrischende, belebende Reminiszenz an die Vergänglichkeit der Jahreszeiten und gewissermaßen ein Erntedankfest in flüssiger Form darstellen.

TRINKEMPFEHLUNG

Die Haltbarkeit dieser Weine beträgt i.d.R. zwei oder drei Jahre nach der Lese. Auch dann sollten sie kühl getrunken werden.